Wie OA mir aus dem Teufelskreis geholfen hat:

 

In OA hörte ich andere Menschen über meine Erfahrungen und Schwierigkeiten sprechen. Unglaublich! Ich war doch nicht allein – wie ursprünglich vermutet! Und das Ganze hatte einen Namen: Es sei eine Krankheit, nicht Willensschwäche! Und: Die Gruppe schien zu funktionieren, obwohl sie keinen eigentlichen Leiter hatte. Das erstaunte mich sehr.

 

Balsam war für mich, dass ich hier ohne unterbrochen zu werden, sprechen durfte. Ich wurde nicht verurteilt, wenn ich schwieg oder meinen Standpunkt erst während des Sprechens entwickelte. Wunderschön war und ist für mich die Erfahrung, dass meine Gefühle okay sind, egal in welchem Zustand ich mich befinde.

 

Das Zusammensein mit selbst Betroffenen tut mir einfach immer wieder gut: Die anderen verstehen aus ihrer eigenen Erfahrung wovon ich spreche – Wir sind Verbündete! Ich darf Schwieriges und Schönes mit ihnen teilen. So bin ich nie allein!


Liebe Lesende und Mitgenesende

 

Die Geschichte, die ich euch zu erzählen wage,

ist nicht einfach, so dass ich sie kaum selbst ertrage.

Es ist mein Weg, und wie ich zu OA fand,

die mich jetzt fesselt im Herz und Verstand.

 

Ich war ein normal leichtes Kind,

so wie die Kleinen eben meistens sind.

Meine Mom kochte gut und gesund,

achtete bei sich selbst aufs Kilo, aber nicht aufs Pfund.

 

Mit etwa acht Jahren,

sind wir auf Schulreise gefahren.

Ich weiss noch, wie ich zu den andern sagte:

Ich bin zu dick - und dabei kaum zu atmen wagte.

 

Mit grossen Augen sahen mich die Kinder an,

hatte ich mir selbst eine böse Prophezeiung angetan?

Die Jahre verstrichen, ich ass fröhlich und strukturiert,

dann, nach der Pubertät ist mir etwas Schweres passiert.

 

Ich erkrankte an einem psychischen Leiden,

und musste mich entscheiden:

entweder ich würde weiter krank und mager bleiben,

oder der Arzt würde mir ein Medikament verschreiben.

 

So wog ich mit zwanzig knappe fünfzig Kilogramm,

mein Po war hübsch, meine Beine stramm.

Ein Jahr später waren's schon zehn mehr auf der Waage,

und die Medikamente waren schuld, keine Frage.

 

Mit fünfunddreissig habe ich so einiges an Übergewicht,

ich fühle mich dick und seh's sogar in meinem Gesicht.

Natürlich habe ich so einiges versucht,

diverse Diäten probiert und verflucht.

 

Den Psychotherapeuten die Schuld gegeben,

die Medikamente gewechselt, um immer wieder das Gleiche zu erleben.

Bald zeigte mir die Waage achtzig Kilo an,

mal mehr, mal weniger, das Essen zog mich in seinen Bann.

 

Hab in meinem Leben viel abgenommen,

und immer wieder Lob dafür bekommen,

war fit und dann wieder schlapp und fett,

es war eine harte Zeit, nichts von "gäbig" und nett.

 

Dann erhielt ich von meinen Schatz einen Tipp:

"Probier‘s mit OA, die sind auch ganz hip.

Damit kannst du es wirklich schaffen."

Wartete ein ganzes Jahr bis zum ersten Treffen.

 

Jetzt sind es vielleicht fünf Meetings, die ich besuchte,

wie ich mich jedes Mal zuvor heimlich selbst verfluchte.

Warum bin ich dick, was soll so ein geheimer Verein?

Ich wollte mich drücken, und ging zuletzt doch hinein.

 

Kaum angekommen,

fühlte ich mich angenommen.

Da sind noch andere, die nicht Nein zum Essen sagen können,

Menschen, die mir ein gutes Leben gönnen.

 

OA-Mitgenesende hören zu und lachen laut,

wenn ich rede, weil sie wissen wie es ist, wenn man schlecht verdaut.

Sie fragen nicht nach meinem Job,

es ist nicht wichtig, wir sind anonym, keiner tut so als ob.

 

Sie sind einfach da und verstehen meine Not,

lassen mich lernen und bringen mich ins Lot.

Ich bin noch ganz am Anfang,

der Weg vor mir scheint unendlich lang.

 

Doch Schritt für Schritt werde ich mich getrauen,

immer ein Bisschen mehr auftauen.

Vielleicht schmilzt bald auch mein Fett ein wenig mit,

vielleicht werde ich bald schlanker und endlich fit.

 

Mit dem Gelassenheitsgebet und der Höheren Macht im Rücken,

könnt's gelingen, das würde mich entzücken.

Ich schaue optimistisch in die Zukunft,

und komme jetzt zum Schluss mit Vernunft.

 

Liebe Lesende und Mitgenesende,

Liebe OA-Members, ihr lieben Leute.

ich wünsche euch einen wunderschönen Tag, erst einmal für Heute.

Verbleibe mit einem Lächeln und Dank fürs Lesen.

Das sind meine Worte für diesmal gewesen.


Anonym


 

Lebensbericht

Ich bin M., essüchtig. An meine Kindheit habe ich sehr schöne Erinnerungen-eine unbeschwerte und glückliche Zeit. Schon oft habe ich mich gefragt, wie es zur Essucht kommen konnte, jedenfalls in meiner Kindheit finde ich keine Gründe dazu. Es ist wohl in erster Linie eine Veranlagung. Ich mag mich erinnern, dass ich schon als kleines Kind sehr gerne und viel gegessen habe. Als ich etwa einjährig war, erkrankte ich sehr schwer an einer Darmkrankheit. Als man endlich die Ursache dafür gefunden hatte, wurde ich mit strenger Diät wieder ganz gesund. Diese lange Krankheitszeit war für meine Eltern und Geschwister schlimm, da sie nicht wussten, ob sie mich verlieren würden. So ist es klar, dass alle sehr froh waren, als ich wieder zu Kräften kam und hatten Freude daran, dass ich wieder so gut ass. Sicher hat diese Krankheit mich geprägt, was mein späteres Essproblem anbelangt.

 

Als Vorschulkind war ich übergewichtig und meine Mutter hatte einen Kampf mit mir, damit ich nicht dauernd zuviel ass- währenddem meine Geschwister eher dünn waren. Schon damals konnte ich Schokolade nicht widerstehen und ass ständig meinen Geschwistern Süssigkeiten weg, worüber ich mich sehr schämte und wofür ich bis heute aufgezogen werde…

 

Mit elf Jahren musste ich in eine viel grössere Schule wechseln. Das war für mich wie ein kleiner Schock und ich entwickelte starke Schulangst, begleitet mit täglicher Übelkeit. Da machte sich meine Panikstörung (Panik vor Erbrechen) bemerkbar, was aber niemand wusste. In dieser Zeit nahm ich ziemlich ab. Später, nach einem Umzug, wurde es besser und alles normalisierte sich alles wieder. Mein Gewicht blieb von da an lange Zeit im normalen, unauffälligen Bereich.

 

In der Pubertätszeit begann das regelmässige Überessen. Essen war schon immer ein Tröster gewesen für mich, aber in dieser schwierigen Zeit des Erwachsen-Werdens war es mein zuverlässigster Begleiter. Ebenfalls in den folgenden Jahren, als ich in Heimen und Spitälern arbeitete. Diese Umstellung von Schule zur Arbeitswelt war hart für mich und ich war sehr überfordert. Deshalb waren damals die Essanfälle besonders schlimm. Ich naschte in allen Institutionen wo ich konnte und hatte viel Stress mit dem Wiederbeschaffen der Lebensmittel. Einmal überass ich mich so sehr, dass ich auch am nächsten Tag noch schlecht drauf war und bei der Arbeit ohnmächtig wurde… Ich ass meistens durch den Tag wenig und keine warmen Mahlzeiten, dafür dann den ganzen Abend bis in die Nacht hinein. Trotzdem blieb mein Gewicht über viele Jahre stabil im Bereich des Normalgewichts.

 

Später heiratete ich und hatte zwei Schwangerschaften. Was das Essen anbelangt, kam ich in eine neue, schwierige Phase: ich war nun viel mehr zuhause und auch ständig in der Küche. Und so kam es, dass das Gewicht anfing zu steigen. Ich versuchte einiges um abzunehmen, aber nichts half wirklich. Mein Gewicht war zwar „erst“ im Bereich des leichten Übergewichts, nicht dramatisch, aber es störte mich immer mehr, und das Essen wurde irgendwie immer zwanghafter. Irgendwann in dieser Zeit kam ich auf die OA-Homepage. Ich kannte OA überhaupt nicht, aber da ich sehr litt unter dem Esszwang, beschloss ich, ein Meeting zu besuchen. Dieses erste Meeting gefiel mir sehr, obwohl ich einiges etwas komisch fand und nicht verstand- ich merkte sofort, dass ich hier am richtigen Ort war. Und ich erkannte, dass ich wirklich machtlos war gegenüber dem Essen.  Es war wunderbar- das erste Mal in meinem Leben mit Menschen offen über diese Essprobleme zu sprechen, mit solchen, die das aus eigener Erfahrung kannten! Ich wurde von Anfang an liebevoll aufgenommen in ihrer Gruppe und ich wusste sofort, dass das mein Platz ist. Ich besuchte von an die Meetings ziemlich regelmässig und fand schon bald eine gute, erfahrene Sponsorin, die mich bei der Schritte-Arbeit sehr unterstützt. Ich bin nun zweieinhalb Jahre bei OA, und habe sehr vieles über mich gelernt: z.B. bei der Inventur und Wiedergutmachungen, in denen ich noch stecke. Ich glaube, dass sich etwas in mir verändert, fast unmerklich zwar und sehr sehr langsam, aber es sind Veränderungen, die es braucht, damit  es auch mit dem Essen besser werden kann. Was die Abstinenz anbelangt, bin ich noch sehr am Kämpfen. Einige Fortschritte habe ich gemacht, aber es braucht noch viel. Als ich vor einer Weile einfach nicht mehr weiterkam, suchte ich jemanden, dem ich täglich telefonieren oder mailen kann, um meinen Essplan für den heutigen Tag durchzugeben. Nun habe ich auch da eine liebe OA-Freundin gefunden, mit der ich das machen kann, wieder ein Geschenk! Es hilft mir sehr, ich brauche einfach diese Struktur.

 

Ich habe noch einen weiten Weg vor mir bis zu einer wirklichen Freiheit vom Esszwang, aber dank OA glaube ich daran, dass ich mal soweit kommen kann.  Ich bin so dankbar, dass es OA gibt, unsere kleine Gruppe und meine beiden lieben Sponsorinnen. Es war ein einziges Geschenk, dass ich zu OA finden durfte!

 

 

Me Myself & I

 

Viele Jahre war ich auf der Suche nach Genesung. Mit Gesprächstherapie hat es angefangen. Bei OA bin ich zu Hause angekommen. OA ist mein Weg, mein Ziel.

 

Meine Esssucht hat viele Gesichter. Verleugnung der Gefühle und Bedürfnisse, davonrennen und immer wieder etwas Neues suchen um mich abzulenken und Zeit zu schinden. Meine Entscheidungsschwierigkeiten drängen mich häufig in eine lähmende Lethargie. Ich weiss nicht wer ich wirklich bin, wohin ich will, was ich will. Ein weiterer grosser Aspekt der Krankheit ist, dass sich alles nur um mich drehen muss; Meine Gefühle sind verletzt, Mein Wille kann nicht durchgesetzt werden, Ich bin so allein und niemand kümmert sich um mich, alle anderen, nur ich nicht, sind schuld an meiner Miesere… Bloss keine tiefen und echte Gefühle zulassen, man könnte ja daran zugrunde gehen. Um etwas oder jemanden trauern? Nein, auf keinen Fall, muss stark sein, keine Schmerzen oder negativen Gefühle zulassen! Mit der Zeit nahm meine Co-Abhängigkeit meinen Eltern gegenüber immer schwerere Formen an. Ich habe meine Freunde vernachlässigt und stehe heute noch mit wenigen sozialen Kontakten da. Ich traute mich beruflich nicht aus der Bequemlichkeitszone.

 

Durch das Essen hatte ich einen konstanten Freund, der mich stärkte, verstand, mein Selbstmitleid nicht in Frage stellte und mich nicht wachrüttelte. War eine kleine Raupe in ihrem geschützten Kokon. Ich fühlte mich erwachsen und dachte ich hätte alles im Griff, niemand sollte mich verletzten können, am wenigsten ich mich selbst. Manchmal sah ich mich im Spiegel und ertrug mein Angesicht nicht, ich erkannte nur eine verabscheuungswürdige Kreatur. Kein Mensch, keine Gefühle, nur ein Ding ohne Seele. Ich hatte mich soweit betäubt, dass ich keine echte Freude wahrnahm, keinen wirklichen Schmerz, kurzum, ich lebte nicht wirklich. Ich hatte verlernt mir selbst zu zuhören, auf meine Bedürfnisse einzugehen, mir zu vertrauen. Ich hatte mir ein falsches Bild angeeignet, eine völlig verzerrte Wirklichkeit die sich nur ums Gefühle verleugnen drehte. Heute weiss ich, dass meine dysfunktionale Familie und die Co-Abhängigkeit meiner Eltern, sowie weitere nicht mehr zu verändernde Fakten mich zu meiner Esssucht und -störung gebracht haben. Doch heute bin ich für mich selbst verantwortlich, ich habe die Macht über mich selbst. Und meine Höhere Macht leitet mich dabei, wenn ich es zulasse.

 

Und dann, eines Tages bin ich aufgewacht. Ich wusste, dass ich bereit war aus dem Kokon zu schlüpfen. Von da an ging es ganz schnell. Auf einmal hatte ich eine neue Arbeitsstelle gefunden die mir ungemein Spass machte, einen neuen Köper, neue Einsichten und ein anderes Lebensgefühl entwickelt. Es war aber auch die Zeit, in der ich Gott zurückgelassen habe. Durch diese schnelle Veränderung habe ich meine Seele nicht ganz mitnehmen können. Mir wurde klar, dass sich meine Essstörung verändert hatte, und ich nahm sie zum ersten Mal als Krankheit war. Nach einigen Recherchen habe ich OA gefunden, meine Rettung, mein Anker. Eine für mich völlig neue Art mich zu therapieren. OA ist echt und einfach immer für mich da. Ich bin so angenommen worden wie ich bin, man hört mir zu ohne zu verurteilen, habe neue Freunde gefunden. Die einen sind ganz anders als ich, und auf wundersame Weise sehe ich wie ähnlich wir uns doch sind. Wir wollen vom zwanghaften Essen genesen. Meine OA Freunde sind eine riesige Stütze die mir immer wieder inspirierende Worte mit auf den Weg geben. Daraus ziehe ich häufig Erkenntnisse, auf die ich ohne sie gar nicht gekommen wäre.

 

Langsam erkenne ich die Veränderungen, kleine positive Schritte in Richtung Genesung. Ich sehe ein, nicht heute schon wissen zu müssen was in zehn Jahren sein wird. Oder wenn ich erkenne, dass ich meiner Mutter gegenüber weniger Groll empfinde, sie nicht mehr für alles verantwortlich mache. Ich nehme meine Gefühle besser wahr, zumindest lasse ich sie kommen und lasse sie dann auch gut sein. Und unglaublich aber wahr, ich bin nicht gestorben, als ich es zugelassen haben Wut oder Enttäuschung zu fühlen. Noch bin ich nicht abstinent, der Zucker ist noch immer präsent. Manchmal gelingt es mir besser ohne Zucker oder ohne andere zwanghafte Betätigungen Gefühle zu ertragen, manchmal nicht. Alteingesessenes schlechtes Gewissen und die jahrelange Gewohnheit mich zu hassen schwinden langsam. Ich verachte und verurteile mich weniger stark für meine Rückfälle und meinen Kontrollverlust. Ich lasse Gott, meine Höhere Macht immer näher kommen. Ich versuche durch Gebet loszulassen und Gott zu übergeben. Das zwölfer-Denken brennt sich immer mehr in meine Gewohnheiten. Was ich als grossen Segen annehme, ist dass ich nicht an irgendeinen Zeitplan gebunden bin. Wenn ich heute nur fünf Minuten Zeit habe, dann reicht mir das. Wenn ich heute sehe, dass ich zurück zu Schritt eins muss, dann tue ich das. Mein nächstes Ziel heisst Abstinenz. Ich möchte mir einen Essplan erstellen, Esswaren weglassen die mir nicht gut tun und mein Essverhalten neu kennenlernen. Ich bin nicht allein dabei, dank meiner Höheren Macht habe ich eine wundervolle Sponsorin, die mich unterstützt.

 

Mein Leben ist nicht schwarz oder weiss. Es gewinnt an Farbe und ist voller Täler und Berge, manchmal geht es bergauf und manchmal wieder bergab. Doch ich bin auch in den allerdunkelsten Stunden von ganzem Herzen davon überzeugt, dass es wieder gut wird. Der Samen muss zuerst sterben um danach erblühen zu können. Danke OA.

 

 

Schritt für Schritt...

 

 

Ich heisse Susanne, bin seit fünfunddreissig Jahren ess- und brechsüchtig, meine sucht- und zwanghaften Tendenzen kenne ich jedoch schon seit früher Kindheit. Ich mag mich gut an meine ausschweifenden, schwärmerischen Sehnsüchte, Träumereien, jedoch auch an viele einschränkende Ängste und diffuse Schuldgefühle erinnern.

 

 

Die Ess-Brechsucht begann im Haushaltlehrjahr, ich fühlte mich von Anfang an verlassen, unwohl und in fast allen Bereichen Überfordert. Meine übergewichtige, ältere Chefin zwang mich am Tisch zu ,,richtigem‘ Essen, sie schöpfte mir grosse Portionen und ich musste vor allen Anwesenden, den Teller leer essen. Nicht selbstsicher und stark genug um Widerstand zu leisten, Überass ich mich täglich und vermied somit unangenehme Schwierigkeiten. Auch fehlten mir die entsprechenden Möglichkeiten mich z.B. sprachlich zu wehren.

 

 

Mein Heimweh und die Einsamkeit waren so schmerzlich, dass ich mich innerlich komplett zurückzog. Auch meinen Eltern erzählte ich nicht viel von diesen schlechten Erlebnissen, ich wollte diese Erstausbildung schaffen ,,brav und gut sein“ und ihnen keinen Ärger bereiten. Stetig setzte Kummerspeck an, mir war in meiner Haut Überhaupt nicht mehr wohl und mein Körpergefühl veränderte sich rasch ins negative.

 

 

Nach einem halben Jahr an einem Sonntagnachmittag, im Anschluss eines Stadttheaterbesuches hielt ich die Anspannung im Körper und mein voller, schmerzender Bauch nicht mehr aus. Gegen Abend Zuhause suchte ich die Toilette auf und streckte zum ersten Mal den Finger in den Hals, ich konnte auf Anhieb erbrechen. Rasch entdeckte ich die heilsame Wirkung der Entspannung und der Körperkontrolle, nun kotzte ich regelmassig und fühlte mich besser. Ich bekam dadurch die Möglichkeit mein Umfeld zu tauschen und bildete mir ein, die andern damit zu bestrafen, ich konnte nun selbständig über mein Leben bestimmen. Mit der Zeit strengten mich aber die Ess- und Brechanfalle an, die damit verbundenen Heimlich- und Unehrlichkeiten machten alles nicht einfacher. Nach diesem Jahr in der Fremde, befand ich mich bereits im Teufelskreis der Sucht und mit grossem Aufwand und sehr erfinderisch lebte ich dieses Verhalten auch in meinem Elternhaus aus. Die vielen verschwundenen Nahrungsmittel, das stundenlang besetzte Badezimmer gab in unserer Familie oft zu reden, doch ich konnte mich meistens mit Ausreden und kreativen Lügengeschichten retten.

 

 

Einschneidende Ereignisse in meinem späteren Privat-und Berufsleben führten zu einem Zusammenbruch, welcher ärztlich abgeklärt und behandelt werden musste. Zudem stellte mir eine Kollegin zu diesem Thema konkrete Fragen, da sie mein Tagebuch im gemeinsamen Pikettzimmer am Arbeitsplatz in die Finger bekam. Das erste Mal nach zehn Jahren erzählte ich einer Fachperson mein Problem, mit grossem Einfühlungsvermögen ihrerseits und viel Geduld gelang es, mich etwas zu öffnen und Mittel und Wege zu finden, mich mit dem Suchtverhalten zu konfrontieren. Nebenbei übte ich einen verantwortungsvollen, sozialen Beruf aus und lebte in verschiedenen Beziehungen.

 

 

In einer schwierigen Phase verbrachte ich einmal meine Ferientage in der Wohnung meiner Schwester, dabei stiess ich im Stadtanzeiger auf ein Inserat der Overeaters Anonymus. Kurz entschlossen besuchte ich mein erstes OA-Meeting. Wahrend der nächsten Jahre unterbrach ich zweimal die OA-Zugehörigkeit, doch die Verbindung brach nie ganz ab.

 

 

Vor elf Jahren, nach einer grossen Krise, gesundheitlichen Beschwerden und Ängsten fand ich den Zugang erneut und ich arbeitete von nun an in den I2 Schritten, gehe regelmassig in die Meetings und profitiere von den Werkzeugen. Ich bin unserer Gruppe sehr dankbar für die vielen hilfreichen Beiträge, Gespräche und dem geduldigen Zuhören aller Mitglieder. Der Schutz der Anonymität ist mir sehr wichtig und ich lerne mit diesem Lebensprogramm diverse andere ,,Baustellen“ in meinem Leben achtsam, verantwortungsvoll und selbstbewusst anzugehen. Schritt für Schritt versuche ich geduldig und dankbar meine vielschichtigen Anforderungen privat und beruflich zu meistern. Aber auch die einzelnen Ruckfälle haben Platz und ich lerne sie trotz Genesung zu integrieren, akzeptiere sie als Zeichen um noch genauer hin schauen zu können. In versöhnlicher Stimmung mir gegenüber weiter zumachen, ist eine meiner Absichten.

 

 

Gesunde, abstinente Tage empfinde ich als ein Geschenk, sie machen mich zufriedener und ausgeglichener, diese zu vermehren ist mir ein Bedürfnis und ein tiefer Wunsch, ich arbeite daran...

 

 

Im April 2012

 

****************                       Samstag, 25. März IG-Treff Deutschschweiz in Zürich                            ****************  Am Vormittag Arbeitsmeeting und am Nachmittag 2 Workshops                                                      Herzliche Einladung!                                            Nähere Infos unter Anlässe, Workshops